Bild 1. Der Mensch im Tierkreis, das Gebetbuch des 15. Jahrhunderts

 

Der Uns Alle Verbindende Vers

 

Glaube, Liebe, Hoffnung
Führen mich in meinem Willen
Wenn ich im Herzen ein Licht entzünde
Und mich verbinde mit der immer gegenwärtigen Liebe
Und schöpferischen Kraft des Allmächtigen.
Sie wirkt in mir,
Wenn ich die Menschen liebend aufnehme,
Die heute zu mir kommen in
Glaube, Liebe, Hoffnung.

 

Diese Worte mögen uns führen auf dem Weg,
Einen Lichtkreis zu bilden, der die Welt umschließt.
Sie sollen uns vereinen und die Einsamkeit verbannen.
Sie werden unsere Gedanken öffnen der Imagination,
Unsere Inspiration stärken
Und uns mit Intuition segnen.

Das Erleben unserer Menschlichkeit durch die Bewusstseinsseele

by Monica Gold

Die Gedanken, die uns hier beschäftigen werden, sollen die erste Zeile unseres Verses mit dem wir versuchen, die Welt zu umspannen, Glaube, Liebe, Hoffnung, mit den letzten drei Zeilen, Imagination, Inspiration und Intuition, verbinden.

Weiter werden wir Denken, Fühlen und Wollen in ihrer Verwandlung in das Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen im Lichte der Vorlesungen Rudolf Steiners untersuchen. Der Mensch muss durch die Bewusstseinsseele gehen, wenn er in seiner Art die Kräfte des Geistselbst, des Lebensgeistes, des Geistesmenschen aufnehmen will. Dazu muss er die Kräfte des Todes im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitraums, also bis in die Mitte des vierten Jahrtausends hinein, vollständig mit seinem eigenen Wesen verbinden. Das kann er.1 Die Menschen werden sich, wie wir sehen werden, im sozialen Umgang miteinander noch sehr ändern.

Wenn wir uns in das 14te Jahrhundert vor Christus versenken, finden wir, dass zu dieser Zeit die Menschen sich noch wie die Kinder in einer großen Familie Gottes getragen, geliebt und geschützt fühlten. Noch ganz verträumt lebten sie in der Natur, eingebettet in die geistige Welt. Viele von den damaligen Menschen erlebten, vielleicht sogar sahen und hörten, auch geistige Wesenheiten, und zwar nicht nur Engel sondern auch Elementarwesen.

Wir wissen, dass Moses die zehn Gebote auf dem Berg Sinai von dem Gott der Hebräer, Jehovah, erhielt. Wir hören auch, dass diese göttliche Tat von Blitzen, Donner, Feuer und Erdbeben begleitet war. Die zehn Gebote waren ein wichtiger Schritt in der Menschheitsentwicklung.

Als Gotteskinder hatten sich die Menschen in der Sinneswelt so weit entwickelt, dass es für sie notwendig wurde, zu lernen, Geboten zu gehorchen: Du sollst nicht töten, Du sollst nicht stehlen, Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, usw. Warum war es notwendig geworden, den Menschen Gesetze oder Gebote zu geben?

Das Thema für diesen Artikel ist Das Erleben unserer Menschlichkeit durch die Bewusstseinsseele. Man kann auch sagen, dass wir durch dieses heute aktuelle Thema dahin geführt werden, uns über die Gegenkräfte oder das Böse, das, nach Rudolf Steiner, an der Menschheitsevolution beteiligt ist, bewusst werden. Das scheint besonders wichtig zu sein in unserer gegenwärtigen Zeit.

Während der Zeit in Lemurien, noch ganz früh in der Menschheitsentwicklung, wurden die Menschen Luzifers Verführungen in ihrem Astralleib ausgesetzt. Die biblische Geschichte von Adam und Eva ist wohl jedem geläufig. Wir wissen aus der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, dass der Mensch ein Kind geblieben wäre, in den Händen höherer geistiger Wesenheiten, wenn das nicht stattgefunden hätte. Durch Luzifers Verführungen wurde ein Teil der geistigen Welt unsichtbar für den Menschen durch Verstärkungen seiner Instinkte, Passionen und egoistischen Wünsche. Diese stiegen im menschlichen Astralleib auf wie eine dunkle Wolke. Auf diese Weise wurde der Blick auf die geistigen Wesenheiten, die sonst auf ewig sichtbar geblieben wären, verdunkelt.

Rudolf Steiner weist darauf hin, dass der Mensch durch Luzifer allmählich frei wurde von der Führung durch höhere geistige Wesenheiten. Dadurch geschah es, dass viele Menschen eine immer stärker werdende Selbstsucht und völlige Geringschätzung von anderen entwickelten. Als die Menschen erwachten und reif wurden, in sich Recht und Unrecht zu unterscheiden, konnten sie die geistige Welt hinter der physisch-sinnlichen Welt nicht mehr erleben.

Die Menschen wurden immer unabhängiger von der geistigen Welt, und doch hatten sie noch ein großes Vertrauen und Respekt, wohl auch Furcht, vor ihrem Gott Jehovah. Durch lange Zeiten hindurch entwickelte sich an Stelle des verschwindenden Hellsehens ein starker Glaube in den Seelen der Menschen. Und dieser Glaube lebt im Menschen als ein Geschenk des Höchsten. Wenn wir die Kräfte des Glaubens verlieren würden, könnten wir unseren Weg im Leben nicht mehr finden.

Es hängt gar nicht vom Menschen ab, den Glauben abzulegen oder nicht, denn der Glaube stellt in der Menschenseele eine Anzahl von Kräften dar, eine Summe von Kräften, die zu den Lebenskräften der Seele gehören. Es kommt gar nicht darauf an, ob wir glauben wollen oder nicht, sondern darauf, dass wir die Kräfte, die das Wort „Glaube“ ausdrückt, als Lebenskräfte der Seele haben müssen, dass die Seele verdorrt, verödet und vereinsamt, wenn sie nichts glauben kann.2

Von Rudolf Steiner wissen wir auch, dass ihm von Luzifer gegeben worden ist, was in menschlich entwickelter Kunst als Wahrheit lebt, und dadurch den Menschen zum Geist der höheren Welten erheben kann. Die Kunst verdanken wir Luzifer.

Wenn wir jetzt zu unserem Vers zurückkommen, sehen wir, dass eine Verbindung besteht, zwischen Glauben und Imagination. Was ist die Imagination? Es ist die Möglichkeit der Seele, sich in die höheren Welten zu erheben und Wahrheiten zu erleben, wenn sie sich mit Kunstwerken beschäftigt. Dieses Geschenk können wir empfangen, wenn wir höhere Welten in unser Bewusstsein mit einschließen.

Jahrhundertelang haben Menschen Kunstwerke geschaffen, ohne darüber zu sprechen. Heute kann eine bewusste Seele die Vergangenheit mit erweckten inneren Augen sehen.– Jesus lehrte seine Schüler durch Gleichnisse. Er sprach die Bildsprache der Imagination, und wir dürfen diese Bilder bewusst mit unseren Gedanken erleben. Durch Kunstwerke und durch Märchen können wir den Glauben in uns immer wieder neu beleben.

Bild 2. Eine Birke in Russland

Hier sind einige Bilder, die uns bestätigen, was wir auf anthroposophische Anschauungsweise erkennen können. Wenn wir diese Bilder so als Imaginationen betrachten, können sie unseren Glauben stärken.

Gibt es eine geistige Welt? Werden wir gesehen und geführt? Gehen wir in einen Birkenwald in Russland: Es sind Bäume, dem Planeten Venus zugeordnet. Von allen Seiten sehen sie uns an. Auch die Naturgeister, die in den Bäumen wohnen, beschenken uns mit Imaginationen.

Bild 3. Die Geburt der Aphrodite

Erlauben wir uns einen kurzen Blick in das alte Griechenland: Die Künstler waren sich der Lebenskräfte oder, wie wir sagen, des Ätherleibes wohl bewusst. Begleitet durch die Hilfe der Engelwelt ziehen wir, sozusagen, unsere Lebenskräfte (Ätherkräfte) an, wenn wir uns inkarnieren. Siehe Bild 2, Die Geburt der Aphrodite. Am Ende des Lebens streifen wir diese Kräfte wieder ab. Sie gehen wieder zurück in das Ätherweben des Kosmos. Dieses wird durch das Bild 3, Der Tod der Niobide, gezeigt.

Bild 4. Das Sterbende Niobidy, Griechenland

Eine Ausnahme ist ein Extrakt des Ätherleibes, der aus allem, was wir während des Lebens als seelische Überwindungen errungen haben. Von hohen Geistern einverwoben, bleiben diese mit unserer Biographie verbunden, solange es eine Erdenentwicklung gibt. Nur um ein Beispiel zu nennen: Die Ungeduld wird sich durch eine Zeit im Rollstuhl sehr schnell in Geduld verwandeln, und die errungene Geduld bleibt uns für immer.

Das 4. Bild des Grabsteines der Prinzessin Sophia Volkonskaya, Russland, zeigt die in diesem Leben errungenen Eigenschaften der ätherischen Kräfte, symbolisiert in dem linken Knoten. Die Prinzessin hat ihren Arm auf den Steinkrug gelegt, der die Errungenschaften vergangener Leben enthält.

Bild 5. Ivan Martos: Grabstein: Prinzessin Volkonskaya, 18./19. Jahrhundert, Russland
Bild 6. Rudolf Steiner, Der Repräsentant des Menschen

Wenn man die Reise durch die Entwicklung weiter verfolgt, so wurde die Menschheit nicht nur dem gefallenen Erzengel Luzifer ausgesetzt, sondern auch dem gefallenen Archai Ahriman. Rudolf Steiner zeigt uns dieses in der Statue des Menschheits-Repräsentanten, Bild 5 (rechts): Der Mensch

zwischen Luzifer und Ahriman.

Wenn wir die Holzstatue des Menschheitsrepräsentanten betrachten, stehen wir nicht nur dem gefallenen Erzengel Luzifer (oben) gegenüber sondern auch dem gefallenen Archai Ahriman (unten). Die Wahrheit: Nicht ich sondern der Christus in mir3 lässt den Menschen zwischen den Widersachern aufrecht stehen.

Die zweite Seelengeste nach dem Glauben ist die Liebe. Die Liebe ist verbunden mit der Inspiration. Christus, der hohe Gott der Liebe, ging aus göttlicher Hingabe für die Menschheit durch den Tod auf Golgotha. Rudolf Steiner sagt: Da erschien der Christus in der Welt, die der Mensch nach dem Tode betritt. In dieser Welt war der Einfluss des Ahriman noch viel stärker, als er in der Welt war, die hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod zu sehen ist. Gerade in der Welt zwischen dem Tode und der neuen Geburt wirkten mit einer furchtbaren Gewalt und Macht die Einflüsse des Ahriman auf den Menschen. Und wenn nichts anderes eingetreten wäre, so wäre der Mensch zwischen dem Tode und der neuen Geburt in dem Schattenreiche – wie es mit Recht der alte Grieche empfunden hat – allmählich verfinstert worden. … in dem Moment, als auf Golgatha das Blut aus den Wunden rann, erschien der Christus in der jenseitigen Welt, in dem Schattenreiche und legte Ahriman in Fesseln. Wenn auch der Einfluss Ahrimans blieb, und im Grunde auf ihn alle materialistische Denkweise der Menschen zurückzuführen ist, wenn auch dieser Einfluss nur dadurch paralysiert werden kann, dass die Menschen das Ereignis von Golgatha in sich aufnehmen, so ist doch dieses Ereignis das geworden, aus dem die Menschen Kraft saugen können, um dadurch wieder hineinzukommen in die geistig-göttliche Welt.4

… Liebe ist nicht nur etwas, was die Menschen durch entsprechende Bande zusammenhält, sondern etwas, was auch der einzelne Mensch braucht. Der Mensch, der keine Liebekraft entwickeln kann, verödet und verdorrt auch in seinem Wesen. Der Ätherleib ist der Liebeleib, und wenn gar keine Liebe im Menschen wäre, würde er ganz zusammenschrumpfen, und der Mensch würde tatsächlich an Liebeleerheit, sterben müssen. Wirklich physisch sterben würde der Mensch an Liebeleerheit. 5

Wenn wir uns mit Liebe dem Christus nähern, wenn wir uns in unserer Verzweiflung an ihn wenden, sendet Er uns den Tröster, den Heiligen Geist. Der Christus und auch der Heilige Geist wirken in uns durch Inspiration. Der Mensch lernt diese in sich erkennen, wenn er auf das Geistige in sich hört. Das kann er nur erreichen, wenn er inneren Frieden in sich erlebt. Inspiration eröffnet in uns die Verbindung mit geistigen Wesen. Man bekommt einen realen Begriff von dem, was eigentliche Inspiration ist, wenn man Dinge weiß, für die es nur einen Impuls des Wissens von innen aus gibt.6

Bild 8. Ägyptischer Pharao mit Horus Falke

In Bild 6 sieht man einen Pharao von Ägypten mit seinem Horus-Falken. Durch ihn empfängt er die Inspiration, wie er sein Volk zu führen hat. Man könnte auch sagen, das Bildnis des Pharao mit dem Falken ist eine Imagination für die Inspiration.

Wie schon oben erwähnt, finden wir den Christus durch Liebestaten. Er wird unsere Inspiration stärken. Wenn wir an unseren Vers denken, haben wir den Glauben mit der Imagination und der Vergangenheit verbunden. Die Liebe verbinden wir mit der Gegenwart und der Inspiration.

Bild 7. Der Christus, Erleichterung des 12. Jahrhunderts, Frankreich.

Wenn wir unseren Vers in uns aufnehmen und ihn ernstnehmen, dann kann er uns durch das Leben führen und mit dem Christus verbinden, nämlich mit „der immer gegenwärtigen Liebe und schöpferischen Kraft des Allmächtigen“. Dann dürfen wir hoffen, dass sich unsere Gedanken der Imagination öffnen. Die Worte werden unsere Inspiration stärken.

Hoffnung und Intuition sind die zwei letzten Seelenkräfte, die noch nicht besprochen worden sind. Hoffnung bezieht sich auf die Zukunft. Intuition wird begleitet sein von noch nicht erahnten Entwicklungen der Menschheit.

Wann brauchen wir Hoffnung? Sie kann uns treffen am Abgrund der Verzweiflung, wenn es keine andere Aussicht als Hoffnung gibt. Nur um einige Beispiele zu nennen: Wenn eine Geldanlage in Gefahr steht, eine lange Freundschaft sich löst oder wenn man vor dem Tod steht nach langjähriger Krankheit. Rudolf Steiner sagt, dass das Leben unmöglich sein würde in der physischen Welt, ohne dass man zukünftige Ereignisse im Lichte der Hoffnung sähe. Besonders in der physischen Welt braucht man Hoffnung. Ohne Hoffnung bekäme man schnell Falten im Gesicht, da solch ein Mangel eine tötende Kraft wäre im physischen Körper.

Gerade für das physische Leben brauchen wir die Hoffnung; denn es hält die Hoffnung alles physische Leben zusammen und aufrecht. – Nichts kann geschehen auf dem äußeren physischen Plan ohne die Hoffnung. Daher hängen auch die Hoffnungskräfte mit der letzten Hülle unseres menschlichen Wesens zusammen, mit unserem physischen Leib. Was die Gaubenskräfte für den Astralleib, die Liebeskräfte für den Ätherleib sind, das sind die Hoffnungskräfte für den physischen Leib. …Mit den stärksten Hoffnungskräften stattet die Geisteswissenschaft die Menschheit aus.7

Bild 9. Römische Entlastung

Nicht nur starke Hoffnungskräfte dürfen wir erleben; auch unsere stärksten Willenskräfte lernen wir mit unseren Übungen zu verbinden. Wir dürfen hoffen, dass diese von uns eingesetzten starken Kräfte uns immer wieder neu zufließen aus dem Bereich des Christus. Das römische Relief (Bild 8) zeigt einen Menschen, der die Hörner einer Ziege festhält. Es ist bekannt, dass eine Ziege unermüdlich den Berg hinaufklettert, bis sie oben ankommt. In unserem Bild ist die menschliche Figur umgeben von reichlichen, sogar überflüssigen Gewandfalten, die als eine Imagination der Ätherkräfte angesehen werden können.

Man darf sagen, dass unser „Ich“ eingehüllt ist in unseren Glaubensleib oder Astralleib, in unseren Liebeleib oder Ätherleib, in unseren Hoffnungsleib oder den physischen Leib. So darf man auch sagen, dass das „Ich“ der innerste Kern unseres Menschenwesens ist. Mit unserem „Ich“ entscheiden wir, welche Berge wir erklimmen möchten.

Intuition ist die höchste Stufe, die der Mensch im Laufe der Erden-Evolution erreichen kann. Es ist vorläufig noch unvorstellbar, was uns in der Zukunft durch die Intuition als Einsicht in andere Menschen bewusst werden wird. Wir werden mit Göttern zusammen arbeiten als Mitschöpfer. Wir werden gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erleben. So ist es sichtbar gemalt worden in der St. Peterskirche in Basel, Bild 9. Intuition heißt: Universelles Bewusstsein. Der Mensch wird die zehnte Hierarchie werden nach den neun Engelreichen. Dieses kann in dem Kreuz des Franz von Assisi wahrgenommen werden. Im obersten Teil der Ikone sieht man den Christus, wie Er den Menschen, die zehnte Hierarchie, empfängt, Bild 10.

Rudolf Steiner spricht in einem Vortrag8 darüber, wie wichtig es ist, sich der Bedeutung des Bösen in unserer Zeit bewusst zu werden und was das heißt, besonders in unserem Zeitalter der Bewusstseinsseele; denn dieses Bewusstwerden wird uns immer höher führen in unserer Entwicklung während der sechsten und der siebten Kulturepoche.

Bild 10. Die Trinity, St.Peters Kirche, Basel, Schweiz
Bild 11. Kreuz des hl. Franziskus, Assisi

Nur ganz kurz will ich hier darauf hinweisen; denn unser Vers Glaube, Liebe, Hoffnung führt uns zum Christus und zur Intuition. Ohne Seine Hilfe wären wir nicht in der Lage, das Böse zu überwinden und positiv mitzuarbeiten an der Menschheitsentwicklung. Wir hätten nicht die Kraft und den Mut, vorwärts zu gehen. Rudolf Steiner verbindet die Hoffnung mit der Tatsache, dass der Christus der Herr des Schicksals (Karma) ist.

Der Glaube ist verbunden mit dem Vatergott, mit der Vergangenheit, mit der Imagination, mit dem Denken. Die Liebe ist verbunden mit dem Gottessohn, mit dem Christus, mit der Gegenwart, mit der Inspiration, mit dem Gefühl. Die Hoffnung orientiert uns auf die Zukunft hin, sie ist verbunden mit dem Heiligen Geist, mit der Intuition und dem Willen.

Nur eine kurze Angabe kann hier gegeben werden, wie wir schon heute anfangen dürfen, an diesen Zielen zu arbeiten. Am wichtigsten ist es, dass der Mensch sich schon heute anhält, ein echtes Interesse an seinem Mitmenschen zu entwickeln. Dieses Interesse muss wachsen für den Rest der Erdenentwickelung, und es muss wachsen namentlich auf vier Gebieten, kann man sagen. Der Mensch muss durch die Bewusstseinsseele gehen, wenn er in seiner Art die Kräfte des Geistselbst, des Lebensgeistes, des Geistesmenschen aufnehmen will.9

Im Allgemeinen ist der Mensch heute noch wenig interessiert an seinem Mitmenschen und er sieht ihn noch nicht so, wie er ihn im Laufe des Zeitalters der Bewusstseinsseele bis in das vierte Jahrtausend sehen lernen muss. Die Kunst, die Rudolf Steiner zwar als im Verfall, dennoch als überaus wichtig bezeichnet, habe etwas in sich, dass zu tieferer konkreterer Menschenerkenntnis führt. Wer Kunst wirklich innerlich erleben kann, der durchdringt sich mit etwas, was ihn befähigt, den Menschen als Bildnatur aufzufassen. Es soll im Zeitalter der Bewusstseinsseele erreicht werden, den Menschen innerlich wie ein Bild aufzufassen. Dann wird er durchsichtig für uns werden, geistig durchsichtig, und wir werden ihn als in Ewigkeit bestehend vor uns sehen als ein geistiges, übersinnliches Wesen. Wenn wir es lernen, die Form und die Bewegung eines Anderen als ein Bild des ewigen Lebens zu sehen, dann empfinden wir innere Wärme oder Kälte ihm gegenüber.

Zweitens, wenn wir in die sechste Epoche (nach unserer fünften Bewusstseinsseelen-epoche) kommen und uns unserem Mitmenschen nähern, dann werden wir in ihm seine Beziehung zu der dritten Hierarchie erkennen, zu den Engeln, Erzengeln und Archai. Wir werden erkennen, wie der Mensch in die dritte Hierarchie hereinragt. Dieses entwickelt sich durch unsere wachsende Aufmerksamkeit auf den anderen und seinen Sprachgebrauch.

So kennen viele das Erlebnis, das man haben kann, wenn ein Vortragender eine starke geistige Atmosphäre im Raume verbreitet, dass man während seiner Rede die Anwesenheit eines geistigen Wesens erleben kann. Die höhere Welt spricht durch uns alle hindurch, sobald wir dafür reif sind.

Und so wird der Mensch gehört durch die Sprache, und das wird zu einem ganz anderen Gesellschaftsleben führen. … Durch die Sprache durchsehen, sage ich, das ist es, was über die Menschheit kommen muss. Dann wird den Menschen überkommen, wenn aus der Sprache die Seele gehört wird, ein eigentümliches Farbengefühl, und in diesem Farbengefühl der Sprache werden die Menschen sich international verstehen lernen.10 Erinnert uns das nicht an Pfingsten? Ein besonderer Ton wird uns eine besondere Empfindung der Farbe geben. Ton und Farbe stimmen überein auf der geistigen Ebene. Die normale Empfindung der Wärme wird sich, wenn wir einem Menschen zuhören, in Farbe verwandeln. Wir müssen selber erleben, was als Echo von menschlichen Lippen an menschliche Ohren tönt durch die Flügel der Töne.

Rudolf Steiner spricht über noch zwei weitere Schritte — im Ganzen sind es vier — die eintreten werden:

Wenn ein Mensch einen anderen trifft, wird er in seinem eigenen Atmen diesen anderen empfinden und so den emotionellen Zustand des anderen erleben. Unser schnelles oder langsames Atmen hängt ab von der Person, die wir so erleben dürfen. Diese Entwicklungsschritte des Menschen werden die ganze sechste nachatlantische Entwicklungsepoche in Anspruch nehmen, sogar noch bis in den siebenten Zeitraum hinein.

Die Menschen werden, indem sie wollend einer Menschheitsgemeinschaft angehören, einander – verzeihen Sie das harte Wort – verdauen müssen. Wir werden ähnliche innere Erlebnisse haben, wie wir sie heute erst primitiv haben, wenn wir die eine oder die andere Speise essen. Die Menschen werden einander verdauen müssen auf dem Gebiete des Wollens. Die Menschen werden einander atmen müssen auf dem Gebiete des Fühlens. Die Menschen werden einander farbig empfinden müssen auf dem Gebiete des Verstehens durch die Sprache. Die Menschen werden einander als „Ich“ kennenlernen, indem sie sich wirklich anschauen lernen. Aber alle diese Kräfte werden mehr innerlich-seelisch sein. Diese prophetischen Angaben über die Menschheitsentwicklung sind eine Vorausschau auf die Jupiter-, Venus- und Vulkan-Stadien der Erden- sowie der Menschheits- Entwicklung.11

Wie schon erwähnt, lebt die Hoffnung in uns, wenn wir uns mit dem Christus verbinden. Als Herr des Schicksals (Karma) wird er bis zum Ende der Welt bei uns sein.

Wenn wir uns Goethes Faust ansehen, wissen wir, dass er seine Erlösung gefunden hat, weil er bis zu seinem Tode ein strebender Mensch geblieben war. Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen, spricht der Chor der Engel aus den Höhen.

Was geschah in der Parzival-Geschichte? Er überwand seinen Mangel an Mitleid und öffnete sein Herz dem Amfortas gegenüber in Liebe. Parzival wurde der neue Gralskönig. Von dem Christus empfängt er jetzt die Kräfte, die die Gralsritter brauchen. Das sind die Menschen, die an sich arbeiten und immer wieder neue Kräfte nötig haben im Kampf mit dem Bösen.

Jeder von uns trägt einen Parzival in sich und damit auch das Suchen nach der Liebe. Auch das ernste Streben des Faust und der Glaube leben in uns. Andererseits erleben wir in der Geschichte Parzivals, dass seine Mutter Herzeleide die Hoffnung verlor und starb, weil sie annahm, Parzival werde niemals wieder zurückkommen. Es lebt in jedem Menschen auch eine Herzeleide. Das Streben, das wir mit Parzival identifizieren, darf uns nicht verlassen. Jede Seele muss sich der Hoffnung bewusst werden; denn sie führt uns zu unseren höchsten Zielen.

In dieser kurzen Zeit haben wir den Glauben mit dem Denken im Astralleib und mit der Imagination verbunden; die Liebe mit dem Ätherleib, mit unserem Fühlen und mit der Inspiration; und wir haben die Hoffnung mit dem physischen Leib verbunden, mit dem Willen und mit der Intuition. In ferner Zukunft wird der Astralleib in das Geistselbst verwandelt durch die Arbeit des „Ich“, der Ätherleib in den Lebensgeist und der physische Leib in den Geistesmenschen.

Wir sind uns sowohl des Bösen als auch der Christuskraft in unserer Evolution bewusst geworden.

Der Vers für den Lichtkreis wurde der Menschheit gegeben, damit unser Streben von dem Christus, gesehen werde, sodass wir befähigt werden, immer größere Entwicklungsschritte zu machen.

1 Rudolf Steiner, Geschichtliche Symptomatologie. GA 285. 5. Vortrag

2 Rudolf Steiner, Glaube, Liebe, Hoffnung, erster Vortrag, Nürnberg, 2. Dezember 1911.

3 Paulus

4 Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107, Berlin, 1. Januar 1909.

5 Rudolf Steiner, Glaube, Liebe, Hoffnung, erster Vortrag, Nürnberg, 2. Dezember 1911.

6 Rudolf Steiner, Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen, Helsingfors 1912, Vortrag 8

7 Rudolf Steiner, Glaube, Liebe, Hoffnung, Drei Stufen des menschheitlichen Lebens. Nürnberg , 2. Dezember l911.

8 Rudolf Steiner, Geschichtliche Symptomatologie GA 185, 5. Vortrag

9 Ebenda.

10 Ebenda.

11 GA 185